Ein Gemälde, Darstellung einer Landschaft und eines zerfließenden Bauwerks

Durch Zweifel besser entscheiden – aber nicht immer

Der Zweifel: ein vielschichtiger Begleiter, der uns retten oder hindern kann, uns Scheuklappen verpasst oder auch auf den Weg zu neuen Erkenntnissen bringt – je nach Ausprägung und Situation. In diesem Post geht es darum welche Arten von Zweifel ich erlebe und wie sie wirken.

Dieses Zitat aus Star Trek The Next Generation hat mich zu diesem Post angeregt. Darin deutet sich an, dass der Zweifel[1]Siehe auch: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/zweifel/2287, die „Ungewissheit, Unsicherheit, ob jmd., etwas glaubwürdig, ob eine Meinung berechtigt ist, ob sich [etwas] wie angegeben verhält, inneres Schwanken“[2]„Zweifel“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Zweifel>, abgerufen am 15.10.2021. durchaus positiv wahrgenommen werden kann.

„Zweifel? Ich bin voll davon!“

Capt. Picard[3]Star Trek, The Next Generation, Redemption II

Welche Ausprägungen nehme ich bei anderen wahr, bzw. erlebe ich selbst?

  1. Der plumpe Zweifel, die Ablehnung des Unpassenden im Affekt. Im Arbeitskontext sind das Aussagen wie „…das glaube ich nicht!“, „…das zweifle ich erst mal an!“.
  2. Der intuitive Zweifel.
  3. Der grübelnde Selbstzweifel.
  4. Der konstruktive, fachlich fundierte Zweifel.
  5. Der sabotierende Zweifel, der gezielt als Mittel zu spezifischen Zwecken verwendet wird.

Versuchen wir anhand eines einfachen Beispiels diese Ausprägungen und deren Wirkung zu ergründen. Mal angenommen wir möchten in einer uns unbekannten Umgebung von Position A nach Position B wandern und können unterwegs andere Wanderer befragen und Wegweiser oder Karten nutzen, um unsere Wegewahl zu beeinflussen.

Der plumpe Zweifel (1)

Beim plumpen Zweifel stellt sich zuerst die Frage, ob wir überhaupt anerkennen, dass uns die Umgebung unbekannt ist. Ist dies nämlich nicht der Fall, so können wir dazu verführt sein tatsächlich treffende Wegempfehlungen oder Wegweiser als falsch oder gar böswillig abzutun, wenn sie nicht dem inneren Bild unserer Position in Bezug auf A und B entsprechen.

Selbst wenn wir anerkennen, dass wir uns nicht auskennen, können wir immer noch ablehnen, dass sich jemand anders überhaupt besser auskennen kann als wir, oder der Person, die uns einen Ratschlag gibt ihr Wissen absprechen.

Äußerungen des plumpen Zweifels kommen nach meiner Erfahrung aber auch immer wieder im Affekt vor. Möglicherweise einfach als spontane Ablehnung einer Aussage, die grade nicht unserer Situationsvorstellung entspricht. Analog wäre das z.B. die ablehnende Reaktion auf einen Wegweiser der scheinbar in die falsche Richtung zeigt, ich aber in meiner (unartikulierten) Vorstellung der Umgebung einen Fluss oder See nicht bedacht habe.

„Da ist kein See!“ Der plumpe Zweifel lehnt den Wegweiser erstmal ab. Dass das eigene Weltbild (in Form der angenommenen Orientierung der Himmelsrichtungen) vom tatsächlichen Nord abweicht (oder abweichen könnte) wird im Affekt nicht in Erwägung gezogen.

Es zeigen sich hier zwei unterschiedliche Ausgangslagen, nämlich:

  1. wir Erkennen die Grenzen unseres Wissens (und Erfahrung) an oder nicht, und
  2. wir erkennen die Möglichkeit, dass andere Wanderer mehr / anderes / treffenderes Wissen über die Umgebung haben bzw. haben können an oder nicht.

Der intuitive Zweifel (2)

Wir empfinden beim intuitiven Zweifel ein Unwohlsein, dass wir auf unserem Weg den Punkt B nicht erreichen werden, ohne klar formulieren zu können warum. So etwas ist nicht ungewöhnlich in Situationen in denen unterschwelliges Wissen oder Erfahrungen, die wir nicht artikulieren können zum Tragen kommen[4]Vergleiche dazu Kahneman (2012). Im Kapitel 22 über die Intuition von Experten geht es unter anderem um wissen ohne zu wissen. Unterschwelliges Wissen wird auch im Bereich des Wissensmanagements … Continue reading.

Der grübelnde Selbstzweifel (3)

Wenn wir immer wieder mit uns hadern und hinterfragen, ob wir wirklich von A nach B wollen, bzw. wozu überhaupt, kann unsere Fähigkeit wegbezogene Entscheidungen zu treffen stark eingeschränkt sein. Ein derartiger Stillstand kann auch in Gruppen vorkommen, wobei Entscheidungen dann eher als Abwesenheit von Entscheidungen getroffen werden. D.h. anstatt von A nach C zu wandern oder bewusst bei A zu verbleiben, vollzieht die Gruppe ein ständiges Vor und Zurück bzw. Hin und Her.

„Hmm, warum eigentlich von A nach B, ist C nicht doch besser? …oder D?“ Der grübelnde Selbstzweifel kann uns davon abhalten, dass wir uns überhaupt auf den Weg machen.

Der konstruktive, fachlich fundierte Zweifel (4)

Anhand einer Karte diskutieren wir mit einer angetroffenen Person über unseren Standort, gleichen dabei die Umgebung mit der Karte ab und tauschen und über unsere Beobachtungen und Gedanken aus. Auf diese Weise erweitern wir unseren Wissensstand und erhöhen unsere Chancen B zu erreichen.

„Deine Interpretation der Karte teile ich nicht. Wenn du sie drehst stimmt die Nord-Ausrichtung“. Mittels des fundierten Zweifels schaffen wir es unsere Lage besser einzuschätzen, um den Weg zu finden.

Der sabotierende Zweifel (5)

Ein ortskundiger Fremdenführer sieht sich ständigen Einwänden einer Person ausgesetzt, die uns lieber zum Punkt C leiten möchte, da sie dort eine Pommes-Bude betreibt. Eine andere Variante wäre eine Person, die eine genutzte Karte grundsätzlich in Frage stellt, um zu verhindern, dass wir Punkt B erreichen.

Systematische Anwendungen des sabotierenden, manipulativen Zweifels in Gesellschaft und Politik werden hier[5]Oreskes and Conway (2012): Merchants of doubt. How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming. Pbk. ed. London: Bloomsbury z.B. anhand der gesundheitsschädlichen Wirkung von Tabak erläutert. Ähnliche Strategien kamen auch bei der Diskussion um die gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstaub in Dieselabgasen zur Anwendung[6]Fischer (2018): Tierversuche. VW, BMW und Daimler setzten Affen für Diesel-Abgastests ein, 1/26/2018. Available online at … Continue reading[7]Dieselskandal. Affen mussten für VW Dieselabgase atmen (2018). In Die Zeit. Available online at https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-01/diesel-vw-affen-abgas-tierversuch, checked on 10/30/2021.

„Das ist doch kein Berg! Und deine Karte kannst du wegschmeissen“. Das Unterminieren von Vertrauen in Referenzen, die uns bei der Einschätzung unserer Lage unterstützen, gehört zu den Mitteln des sabotierenden Zweifels.

Zweifel am Zweifel

Die unterschiedlichen Formen des Zweifels können also zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Anscheinend können sie das Erreichen des Punkte B sowohl befördern, wie der intuitive und der konstruktive, fundierte Zweifel, als auch unmöglich machen, wie der plumpe, der sabotierende und der grübelnde Zweifel. Während erstere auch für die Wissenschaft entscheidende Wirkung entfalten (siehe Zitat rechts), steht hinter letzteren neben der Ablehnung der Grenzen des eigenen Wissens auch spezifische Interessen aus denen heraus Zweifel gezielt gesät wird, oder auch eine innere Unentschiedenheit dem eigentlichen Ziel gegenüber.

If a man begins with certainties, he shall end in doubts; but if he will be content to begin with doubts, he shall end in certainties.

Francis Bacon (1561-1626): Novum Organum (1620)[8]aus der Vorlesung „Wissenschaftstheorie 2.1“ von Prof. Torsten Wilholt

Zum Umgang mit Formen des Zweifels lohnt sich noch eine Betrachtung seines Gegenteils, nämlich der Überzeugung. Dazu fällt mir ein Kapitel aus „Thinking Fast, thinking slow“ [9]Kahneman (2012): Thinking, fast and slow. London: Penguin, p. 212 ein, das darauf schließen lässt, dass Überzeugung ohne Begründung oder Rechtfertigung wenig Wert bezüglich ihrer Gültigkeit hat. Gleichzeitig gründet sich die Notwendigkeit der Begründung einer Überzeugung ja grade aus dem Zweifel daran. Ich denke, dass für den Zweifel in ähnlicher Weise gelten kann, dass er ohne abweichende Überzeugungen (die bewusst sind oder nicht) ja nicht entstehen würde. Daher benötigt auch der Zweifel Rechtfertigung und Begründung, nämlich stellvertretend für die abweichende Überzeugung.

„Das erscheint mir zweifelhaft!“, sagt die eine Person zur anderen. Die Weltbilder beider Personen weichen in entscheidenden Punkten voneinander ab. Die Rechtfertigung des Zweifels geht mit der Rechtfertigung des eigenen Weltbilds einher.

Daraus folgt, dass sowohl der Zweifel, als auch die Überzeugung ohne Rechtfertigung keinen Gültigkeitswert beanspruchen können.

Bei intuitivem Zweifel wird seine Rechtfertigung unter Umständen schwierig, die er sich ja grade durch die Abwesenheit von klar zu äußernden Überzeugungen definiert. Hierbei spielt dann eine Rolle welche Erfahrung wir mit vergleichbaren Situationen haben, ohne dass wir mittels rational geäußerten (oder äußerbaren) Analysen unsere Intuition darlegen könnten. Zur Einordnung unserer Intuition ist also das Hinterfragen ihres Ursprungs erforderlich. Vielleicht wirken Erfahrungs- und Wissenstransfers, die der Situation gar nicht angemessen sind.

Zum fachlich fundierten Zweifel fällt mir die nebenstehende Aussage eines meiner Professoren ein. Dahinter steckte die Aufforderung die Grenzen der finiten Elemente Methode[10]Die finite Elemente Methode wird z.B. zur numerischen Simulation von Strukturbelastungen verwendet. und des eigenen Wissens einschätzen und bewerten zu können, und nicht das scheinbar schlüssige (und im ungünstigen Falle gefährliche) Ergebnis der Berechnung unkritisch zu akzeptieren. Also, ein Aufruf konstruktiv zu zweifeln – sinnvoller Weise mit z.B. einer fachlich fundierten Handrechnung unterfüttert. Dieser Aufforderung nachzukommen ist nicht immer einfach, da das graphisch attraktiv aufbereitete FEM-Ergebnis geradezu eine positive Bestätigung einfordert.

„Die finite Elemente Methode macht einen guten Ingenieur besser, und einen schlechten gefährlich.“

nach Prof. Baum [11]Fachbereich Luft- & Raumfahrttechnik, FH Aachen

Der konstruktive Zweifel steht immer wieder im Konflikt mit dem plumpen Zweifel, der versucht das eigene Weltbild zu bestätigen. Um auf Capt. Picard zurück zu kommen, deute ich seine Aussage „Zweifel? Ich bin voll davon!“, als die Bereitschaft (und Fähigkeit) sich auf den konstruktiven Zweifel einzulassen und das eigene Weltbild zu hinterfragen. Damit wird der Zweifel zu einer echten Stärke auf dem Weg zu einem besseren Verständnis der umgebenden Welt und dazu bessere Entscheidungen zu treffen.

Titelbild : Architektonischer Angelus von Milet (nach Dali) von Jürgen.

Zuletzt aktualisiert am 18.05.2022

References

References
1 Siehe auch: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/zweifel/2287
2 „Zweifel“, bereitgestellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/Zweifel>, abgerufen am 15.10.2021.
3 Star Trek, The Next Generation, Redemption II
4 Vergleiche dazu Kahneman (2012). Im Kapitel 22 über die Intuition von Experten geht es unter anderem um wissen ohne zu wissen. Unterschwelliges Wissen wird auch im Bereich des Wissensmanagements thematisiert, z.B. bei Mansur J. Darlington (2003). Cognition and the Engineering Design Requirement. Doctor of Philosophy (PhD) Thesis. Bath, UK.
5 Oreskes and Conway (2012): Merchants of doubt. How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming. Pbk. ed. London: Bloomsbury
6 Fischer (2018): Tierversuche. VW, BMW und Daimler setzten Affen für Diesel-Abgastests ein, 1/26/2018. Available online at https://www.heise.de/newsticker/meldung/Tierversuche-VW-BMW-und-Daimler-setzten-Affen-fuer-Diesel-Abgastests-ein-3952376.html, checked on 10/30/2021
7 Dieselskandal. Affen mussten für VW Dieselabgase atmen (2018). In Die Zeit. Available online at https://www.zeit.de/mobilitaet/2018-01/diesel-vw-affen-abgas-tierversuch, checked on 10/30/2021
8 aus der Vorlesung „Wissenschaftstheorie 2.1“ von Prof. Torsten Wilholt
9 Kahneman (2012): Thinking, fast and slow. London: Penguin, p. 212
10 Die finite Elemente Methode wird z.B. zur numerischen Simulation von Strukturbelastungen verwendet.
11 Fachbereich Luft- & Raumfahrttechnik, FH Aachen

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